Das Medienprojekt

Porno gucken und Sex filmen.

Wie Jugendliche mit Sex medial umgehen

→ Text als Pdf

Wie, warum und mit welchen Folgen gucken Jugendliche Pornos? Wie beschreiben Jugendliche ihre Sexualität mit aller Lust und allen Problemen, wenn sie diese in selbst gemachten Filmen reflektieren und (als Aufklärungsmittel) präsentieren?

Im Vordergrund des Filmvortrages stehen die filmischen Selbstbeschreibungen der Jugendlichen zum Umgang mit Pornografie und zu ihrer Sexualität, die in diesem Artikel auszugsweise zitiert werden. Außerdem werden die pädagogischen Abläufe und Wirkungen solcher Medien und sexualpädagogischer Modellprojekte beschrieben.

1. Das Bildungskonzept des Medienprojekts Wuppertal

Um die sexualpädagogischen Filmprojekte des Medienprojekts Wuppertal zu verstehen, soll zunächst das Bildungskonzept der medienpädagogischen Einrichtung kurz zusammengefasst werden: Das Medienprojekt Wuppertal e.V. unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene bei ihren Videoproduktionen, präsentiert diese lokal in Kinos und vertreibt einen Teil der Filme auf DVDs deutschlandweit als Bildungsmittel. Die medienpädagogische Modelleinrichtung hat sich schon kurz nach seiner Gründung zur profiliertesten und größten Einrichtung der Jugendvideoarbeit in Deutschland entwickelt.

Wenn Jugendliche filmen, artikulieren sie sich (mit ihren Körpern, ihrer Sprache, ihrer Kultur) vor und hinter der Kamera bzw. durch die Kamera. Sie artikulieren sich inhaltlich und künstlerisch. Mit der dem Film inne liegenden Verbindung von emotionaler und kognitiver Kraft schaffen sie eine tiefgehende und nachhaltige Auseinandersetzung mit ihren sinnigen oder unsinnigen Ideen und Geschichten.

Jugendliche klären Jugendliche am besten auf, Jugendliche werden am besten durch andere Jugendliche aufgeklärt (Peer-Education). Bildung vollzieht sich hier nicht von oben nach unten, von wissenden Erwachsenen zu unwissenden Jugendlichen, sondern demokratisch-linear (Peer-Involvement). In Bezug auf die Lebensthemen wissen Jugendliche schon viel, müssen sich »nur« reflektieren und austauschen lernen. Film bietet ihnen eine mediale Kommunikation mittels selbstproduzierter Filme, in denen sie die eigenen Welten reflektieren. Sie positionieren sich durch die visuellen und auditiven Reflexionen ihrer Innen- und Außenwelten, ihrer Ängste, Visionen und Träume. Das Besondere, das Schöne an diesen Artikulationen ist ihre Parteilichkeit, ihre subjektiv pointierte, unausgewogene Zuspitzung, ihre – im erfolgreichen Fall – parallele inhaltliche und bildliche Verdichtung in differenzierter Subjektivität. Die Kurzspielfilme, Dokumentationen, Musikvideos oder Animationen werden soweit notwendig von MedienpädagogInnen unterstützt, welche diese jedoch nicht moralisch oder erzieherisch bewerten. Die Filme drücken dadurch sehr authentisch, aber auch sehr subjektiv das Leben, die Meinungen, die Träume und Ängste der beteiligten Jugendlichen aus.

2. Pornogucken

Zum Thema Pornografie gibt es bisher kaum Forschungsergebnisse in Bezug auf Wirkungsforschung, dafür aber eine sehr ideologisch geführte, spekulative Debatte, in der oft die eigene Moral und Einstellung der Autoren diese zu generellen Urteilen über Jugendliche und Wirkungen kommen lässt. Der schon bei jungen Jugendlichen weit verbreitete Pornografiekonsum wird skandalisiert und anders bewertet als die Wirkung von Pornografie bei Erwachsenen. Eine persönliche Moralvorstellung wird auf zu erziehende Jugendliche verdichtet, ihre Gefährdung wird zur Projektion eigener moralischer Ansprüche. In diesem Vortrag sollen die Jugendlichen selbst zu Wort kommen, die beim Medienprojekt Wuppertal den Dokumentarfilm »Geiler Scheiß« zum Thema »Pornografie und Jugendliche« produziert haben. Wie in dem medienpädagogischen Bildungskonzept beschrieben, sind diese Eindrücke subjektiv und singulär, sprechen aber wahrscheinlich doch für viele andere Jugendliche und geben so einen direkten Einblick in die Erlebniswelten Jugendlicher. Der Blickwinkel soll hier also das Erleben der Jugendlichen selbst sein.

In dem Dokumentarfilm »Geiler Scheiß« reflektieren Jugendliche offen ihren Umgang mit Pornografie im Internet, auf DVDs, in Zeitschriften etc. Junge Pornografie-KonsumentInnen, ExpertInnen und KritikerInnen kommen zu Wort. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen Pornografie, Sexualität und Moralvorstellungen. Jugendliche mit sehr verschiedenen Meinungen zu Pornografie wurden in längeren Einzelinterviews von anderen Jugendlichen befragt. Drei Jungen und drei Mädchen wurden geschlechtsgetrennt beim gemeinsamen Pornokonsum (DVDs, Magazine, Internet) dokumentiert und dieser anschließend von ihnen reflektiert.

Im Zentrum steht die Frage, was Pornografie für Jugendliche bedeutet, warum, wie viel und was sie gucken bzw. nicht gucken, und wie Pornografie auf sie wirkt. Welche Gefahren sehen sie für sich und andere und welche Bedeutung haben Altersbeschränkungen und Verbote für sie? In welchem Zusammenhang steht Pornografie zu ihrer eigenen Sexualität und wie sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede? Pornografie wird (auch) moralisch, politisch und in Bezug auf das transportierte Menschen- und Frauenbild erörtert. Der Film ist nicht gegen, sondern über Pornografie und will dem Zuschauer die Bewertung überlassen.

Sascha: Der Standardporno ist auf jeden Fall so ein richtiger Männerporno.
Bruno: Frau im dicken Auto fährt rein, geht in so ein dickes Haus und da wartet schon der Typ.
Tebessa: Irgendeine kurze Unterhaltung gibt’s.
Sascha: Sie findet das total super, dann packt er seinen Pimmel aus. Und dann lutscht die den.
Tebessa: Sie reißen sich die Kleider vom Leib.
Victor: Und dann geht’s halt irgendwann ins Bett oder auf die Couch oder was weiß ich und dann werden die verschiedenen Stellungen so durchgegangen.
Sascha: Dann spritzt der auf die ab, dass man auch weiß: Das war jetzt kein gefakter Porno. Und dann ist vorbei.
Bruno: Halt ohne Handlung, aber was wäre ein Porno mit Handlung.
(Ausschnitt »Geiler Scheiß«)

Was ist Pornografie? Sexuelles wird beziehungslos, grob aufreißerisch dargestellt, um den Betrachter bzw. die Betrachterin sexuell zu erregen. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wird der Pornografie vom Jugendschutz eine desorientierende Wirkung unterstellt, weswegen sie Minderjährigen nicht zugänglich gemacht werden darf.

Jugendliche sind unterschiedlich und auch ihr Umgang mit Pornografie ist unterschiedlich. Viele kennen Pornografie schon ab dem Teenie-Alter und nutzen diese zur Selbstbefriedigung. Pornografie ist fokussierter Sex und deswegen spannend – nicht nur für Jugendliche, aber auch und gerade für diejenigen, die Sex gerade erst für sich entdecken. Pornografie gehört für viele Jugendliche zum normalen Lebensalltag, auch weil der Zugang über das Internet sehr einfach und kostenlos ist. Das heißt, die gesetzlichen Verbote erheben nur einen Schein, der für die jugendliche Realität kaum Bedeutung hat.

Wie in dem Filmtitel »Geiler Scheiß« fokussiert, hat Pornografie etwas Ambivalentes für die Jugendlichen. Sie ist geil, sie ist »Scheiß«, sie ist erregend und abstoßend zugleich. Die Lust stößt auf das (erzogene) Verbot: das bedeutet Spaß für sie. Trotz der Alltäglichkeit von Pornografie und Selbstbefriedigung sind beide ein gesellschaftliches Tabu. Ansprüche und Wirklichkeit haben kaum etwas miteinander zu tun und erzeugen nur die Unaussprechlichkeit des gleichermaßen Lustvollen wie Peinlichen.

Pornografie ist Erwachsenensex, zeigt also i.d.R. nicht die sexuelle Realität von Jugendlichen. Das können Jugendliche natürlich oft erst einordnen, wenn sie selbst die ersten sexuellen Erfahrungen machen. Spätestens dann wird ihnen die Fiktionalität des Dargestellten klar. Jugendsexualität und Pornografie stehen also im gleichen Zusammenhang wie Realität und Fiktion. Sie haben miteinander zu tun, beeinflussen sich gegenseitig, sind aber zwei verschiedene Dinge und werden als solche von den meisten Jugendlichen erkannt.

Pornografie ist unterschiedlich. Meistens wird der männliche Blickwinkel gezeigt, da vor allem Männer als Konsumenten erregt werden sollen. Jugendliche finden im Internet sowohl »normale« als auch extreme Pornografie, die als – auch für sie erkennbarer – besonderer Tabubruch spannend ist: Pornografie mit Gewalt, in der Gruppe, Gangbang, mit Anpinkeln oder Ankacken, mit Tieren usw. Jugendliche sehen professionelle Filme von Schauspieler/innen genauso wie Amateuraufnahmen vom eigenen Sex. Der weibliche Blick ist selten, die Lust der Frau im Film dient vor allem der Befriedigung des Mannes und wird auch so inszeniert. Deswegen nutzen Jungen und Männer Pornografie wesentlich mehr als Frauen bzw. Mädchen und bewerten diese auch zum Teil verschieden.

Joschi: Manche Jungs wichsen sich einen und denken sich irgendwas aus. Aber ich find das langweilig, ich will was sehen und dabei meinen Spaß haben. Ich benutze Pornos eigentlich, wenn ich Bock drauf hab. Und ich hab auch damals, als ich damit angefangen hab, eigentlich so übertrieben. Ich hab mir wirklich, wirklich oft einen runtergeholt. Richtig oft.
Juliana: Die Situation, in der ich mir einen Porno angucke, also das ist eher so zur Belustigung. Das ist dann eher auf irgendeiner Party, da schiebt dann ein Freund einen Porno rein, und am besten dann noch irgendeinen 70er Jahre Porno: behaart ohne Ende, die ganzen Leute. Und dann guckt man und denkt: »Boah, wie ekelhaft«!
Joschi: Manchmal hab ich mich auch gefreut: »Ah, gleich komme ich nach Hause und keul mir einen«. Ich mein, du entdeckst das neu für dich und spielst dann so rum und probierst auch aus, was geht. Zum Beispiel das Höchste, was ich geschafft hab, das war so krass, da habe ich mir neun Mal hintereinander einen runtergeholt. Und nach dem dritten Mal, da kam eh nix mehr raus, da habe ich mir schon so gedacht: »Ey, der steht nie wieder auf!« Und dann: wie der Phönix aus der Asche, kam der wieder hoch.
Jana: Es kommt immer auf die Situation an und es gibt Momente, wo ich Pornos sehr anziehend finde, wo ich dann auch gerne einen Porno gucke. Und es gibt Momente, wo ich im Nachhinein denke: »Warum hast du das jetzt gemacht? Warum guckst du eigentlich Pornos?« Aber in dem Moment wo man Pornos guckt, ist einem das eigentlich auch scheißegal.
Tebessa: Ich glaube sowieso, dass Frauen sich nicht wirklich Pornos angucken, um irgendwie geil zu werden. Das sind schon eher Männer, die Pornos gucken; bei denen hat das auf jeden Fall so ne Wirkung, dass die dann schon mal mehr ran wollen. Aber bei Frauen ist das mehr so mit Freunden oder so zum Spaß.
Victor: Allein von der Evolution her: Wir sind einfach die Leute, die eine Frau einfach begatten müssen, damit sie unsere Art erhalten. Daher denke ich, die Sexualität oder der Trieb ist bei den Männern einfach viel ausgeprägter als bei den Frauen.
Tebessa: Auf jeden Fall finde ich das angenehmer, einen Soft-Porno zu sehen, wo man jetzt nicht gerade Genitalien sieht wie jetzt bei Hardcorepornos. Das finde ich eher abstoßend, da guck ich mir lieber so einen B-Klasse Softporno an, der irgendwie ansatzweise noch Handlung hat, wo echt schönere Menschen zu sehen sind.
(Ausschnitt »Geiler Scheiß«)

Wie wirkt die Rezeption von Pornografie (nicht nur) auf Jugendliche? Sie setzt sexuelle Standards (z.B. Schamhaarrasur, Sex mit mehreren, Analsex, Blowjob), erhöht den Erwartungsdruck von Jungen und Mädchen und verstärkt Rollenbilder und -erwartungen. Es ist nicht auszuschließen, aber auch nicht zu beweisen, dass durch Pornografie abwertende Haltungen gegen Frauen entstehen – wie auch in vielen anderen realen und medialen Erfahrungen von Jugendlichen. Jugendliche, vor allem Mädchen, analysieren dies auch selbst, was u.a. mit einer Übernahme gesellschaftlicher Bewertungen und Geschlechtsrollenmustern zusammenhängen kann. Andere Jugendliche sehen die Koexistenz von virtuellen und realen sexuellen Welten ohne gegenseitige Beeinflussung. Jungen sehen in Pornografie manchmal – i.d.R. vor eigenen sexuellen Erfahrungen – sexuelle Aufklärung (wie sehen Vaginas, Penisse, Erektionen, Geschlechtsverkehr aus, wie geht das) oder suchen hier Ideen für den eigenen Sex. Manche meinen, Pornografie beeinflusse nicht das Liebes- und Sexleben, einige sagen, es beeinflusse dieses positiv, andere negativ. Bei sexuellen Liebesbeziehungen geht der Pornokonsum zurück.

Jana: Ich glaube, die einzige Gefahr, die es da für Jugendliche gibt, ist, dass man an sich selber zu hohe Ansprüche stellt und glaubt, man müsste jetzt so sein wie Frauen und Männer, Menschen in Pornos sind.
Tebessa: Bei der normalen Pornografie, da ist die Idealfrau wahrscheinlich 90/60/90, lange blonde Haare, aufgespritzte Lippen. Der Mann ist einfach so ein Muskelpaket mit einem Riesenteil. Das ist einfach nicht realistisch und das ist, denke ich, dann der Reiz.
Joschi: Mit denen gucken und dasselbe machen ist unterschiedlich. Ich mach jetzt hier mit denen nicht so krasse Sachen. Mit ‘nem Mädchen, normaler Geschlechtsverkehr, wie ihn jeder hat. Vielleicht noch ein paar Tricks und so, was du so gesehen hast. Aber das muss man schon trennen. Was man guckt und was man macht, das ist ein Unterschied.
Jana: Vor allem Jungs verlieren diesen Bezug, dass das ein Porno ist und dass das jetzt so eine Art Wichsvorlage ist und nicht dass sie da Teil sind.
Sascha: Männer kriegen halt schnell diese Gedanken, dass Frauen leicht zu haben sind. Und diese Erfahrung habe ich bisher noch nicht gemacht.
Victor: Im Biologieunterricht bekommt man irgendsoein Blatt vor sich hingelegt: Da ist die Klitoris, da ist... keine Ahnung, ich kenne diese ganzen Namen nicht. Und dann kommt dann so ein »Biene-Blümchen-Video«, was dir gezeigt wird. Aber das ist halt nichts, was der Realität entspricht. Das erste Mal, wo du mal so richtig in eine Vagina reinschaust, ist halt, wenn du einen Porno siehst.
Bruno: Mir wäre es lieber gewesen, wenn die mir in der Schule einen Porno gezeigt hätten. Wenn die dich in der Schule aufklären, verbindest du nichts damit. Da ist nichts Praktisches dabei und bei ‘nem Porno, da ist halt Aufklärung pur.
Bruno: Pornos haben meine Sexualität insofern verändert, dass ich ein guter Ficker geworden bin. Es hat mir die Angst genommen, was Falsches zu machen. Das ist immer dabei, aber ich war mir schon ein Bisschen sicherer in meiner Sache.
(Ausschnitt »Geiler Scheiß«)

Jugendliche nutzen Pornos unabhängig von gesetzlichen oder elterlichen Verboten, die Rezeption via Internet ist einfach, weil kaum geschützt, die Lust und der Spaßeffekt sind hoch und das Brechen von Tabus spannend. Auch deswegen bleibt das Thema ein Tabu im Gespräch zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, natürlich auch, weil es sehr intim für Jugendliche ist und mit Selbstbefriedigung zu tun hat, was auch im erzieherischen Dialog tabuisiert ist. Den Erziehenden wird hierbei von den Jugendlichen ein geringer Einfluss beigemessen. Die »gefährdeten« zu erziehenden Jugendlichen sehen sich selbst als kompetent und entscheidungsbefugt. Sie rezipieren Pornografie relativ entspannt, die einen mehr, die anderen weniger, einige gar nicht. Gesellschaftliche Diskussionen und Restriktionen haben hierauf kaum Einfluss.

Tebessa: In einem Porno werden Frauen nicht gerade stark dargestellt, also eher unterwürfig, insofern finde ich das nicht so gut. Ejakulieren ins Gesicht ist ja bestes Beispiel für die Unterwerfung der Frau. Ich meine, was die Menschen privat machen, ist okay! Sehen will ich das auf gar keinen Fall.
Joschi: Manches ist schon frauenverachtend, aber da stehen wir Männer ja drauf. (lacht) Aber das muss man wirklich trennen: Was du so guckst und was du machst, ist wirklich ein Unterschied. Weil - ich verachte keine Frauen, ich liebe Frauen und ich behandle die alle mit Respekt.
Tebessa: Ich denke schon, wenn man Pornos guckt, dass man dann leichter mit Sex umgeht und lockerer. Dass das nichts mehr Besonderes ist. Wenn du die ganze Zeit irgendwelche Leute beim Vögeln siehst, dann ist das doch irgendwann langweilig.
Bruno: Ich denke schon, dass Pornos mich negativ beeinflusst haben, wie ich die Frauen jetzt betrachte. Manchmal denke ich mir, wenn die mir echt so auf den Sack gehen, einfach nur -ficken. Ich habe dann, denke ich mal, zu viele Pornos geguckt. Bei mir ist dann halt nur dieses Ficken hängen geblieben.
Joschi: Wenn du schon früh anfängst, zuerst denkst du dir: Ah!, und wirst noch erregt dadurch. Aber je öfter du das guckst, stumpft dich das ab. Dann holst du dir kurz einen runter und dann brauchst du härteren Stoff.
Jana: Ich denke, dass viele der älteren Generation damit nicht zurechtkommen, dass sich unsere ganze Gesellschaft geändert hat und nicht nur die Jugendlichen. Deswegen denke ich schon, dass sich die meisten Erwachsenen einfach ein bisschen anstellen. Wenn das zu deren Zeit so gewesen wäre, wären sie wahrscheinlich auch begeistert gewesen oder lockerer gewesen und hätten ihre Eltern dafür verteufelt, wenn die so einen Aufstand gemacht hätten.
(Ausschnitt »Geiler Scheiß«)

3. Die Lust im Film. Sexfilmen

Filme sind sexy. Filmen ist erotisch. Die Lust am Film, und dies gilt für die Filmemacher genau wie den Rezipienten, ist keine theoretische, sondern zeigt sich als Kombination der verschiedenen Sinne, als Zusammenspiel von Kopf und Herz, von Intellekt und Emotion. Eine theoretische Reflexion über das Filmemachen ersetzt dieses Sinnliche schnell durch das Sinnvolle. Filmen heißt zwar eigentlich »nur«, Illusionen entstehen zu lassen, die Authentizität der sexuellen Geschichten der Jugendlichen schafft aber Übertragungen bei den MacherInnen, ZuschauerInnen und auch den PädagogInnen. Das sexuelle Gefühl ist dem Filmischen ähnlich. Mediale Artikulationen sind unterschiedlich und abhängig von der sozialen, kulturellen Herkunft, dem Geschlecht, dem Alter, der Bildung und der sexuellen Orientierung ihrer MacherInnen. Das (große) Interesse an sexuellen Bildern und Tönen besteht bei den meisten, unabhängig von eigener sexuellen Aktivität und Erfahrung.

Die im Folgenden beschriebenen sexual- und medienpädagogischen Konzepte und Erfahrungen stammen aus der langjährigen Arbeit des Medienprojekts Wuppertal, welches hier einen Schwerpunkt hat. Sie sind so oder ähnlich leicht übertragbar, da Wuppertaler Jugendliche nicht wesentlich netter, intelligenter, reflektierter oder filmisch ambitionierter sind als andere Jugendliche in Deutschland.

Sonia (20): Leidenschaft ist so etwas wie eine Sucht. Also, man will es irgendwie jetzt sofort und man will es eigentlich am liebsten immer.
Maggy (20): Man ist einfach gierig auf mehr. Und jedes Mal, wenn man Sex hat, möchte man, dass es leidenschaftlich wird. Weil wenn man schon einmal Leidenschaft erlebt hat, dann weiß man auch wie das ist. Und das ist wie eine Sucht.
Randy (21): Leidenschaft ist für mich, wenn man irgendwas leidenschaftlich macht, dass man es wirklich mit Leib und Seele macht und dass man alle anderen Sachen außen vor lässt in dem Moment und wirklich nur für die Sache, die man da gerade macht, lebt und ja auch bereit ist, dafür selber zurückzustecken. Ja, das ist dann auch so ein bisschen die Bereitschaft zu leiden, dass man auch eigenes Leid dafür in Kauf nimmt.
Tine (19): Wenn man sich so hoch gepusht hat und sich dabei kratzt oder beißt, dann leidet man ja auch. Und du willst ja immer mehr und immer mehr haben von deinem Partner. Und dadurch erlebst du viel Leidenschaft und auch umso härter.
Sonia: Am Anfang waren wir sehr leidenschaftlich, dann kam ungefähr so in der Mitte unserer Beziehung irgendwie so ein Knick. Dass man irgendwie gedacht hat: » Ach, man hat schon alles ausprobiert, es wird langsam langweilig.« Und dann haben wir auch ein sehr ernstes Gespräch gehabt, haben über alles geredet, und uns wirklich alles von der Seele geredet.
Tine: Wir konnten nicht offen darüber reden, weil wenn ich gesagt hab: »Ey, versuch das doch mal so und so«, dann wollte er nicht drauf eingehen. Er hat sich irgendwie gekränkt gefühlt dadurch. Und das ist ja öfters bei Männern so, die haben dann ihre Phasen und die fühlen sich in ihrer Ehre verletzt. Die denken dann, der hat es mir nicht richtig besorgt, und dabei meine ich eigentlich nur, dass er es mir noch besser besorgen könnte. Und wenn er dann gefragt hat, ob ich denn gekommen bin, ob ich einen Orgasmus hatte, hab ich ihm immer gesagt: » Ja, ja, ich hatte einen!«. Weil ich mich nicht getraut habe ihm zu sagen: » Hör mal zu, ich fühle nichts.« Ich wollte ihn dann nicht kränken.
(Filmausschnitt »Hemmungslos«)

Sexuelle Artikulationen per Video sind sexuell aufklärerisch für die jugendlichen FilmproduzentInnen sowie deren Rezipienten. Jugendliche werden durch das Filmen und durch die Filme angeregt, ihre Sexualität altersgemäß mit aller Lust und allen Problemen im Gespräch mit FreundInnen zu reflektieren. Die jungen FilmemacherInnen präsentieren sich und ihre Körper lustvoll und experimentieren hierbei spielerisch mit ihrem Selbst¬- und Fremdbild und dem Voyeursblick. Die Filme über ihre Sexualität wirken relaxend wie erotisierend, das heißt, sie machen (auch) Lust auf (intelligenten,) »guten« Sex. Mit Sexualität sind dabei immer Identitäts- und Beziehungsentwürfe verknüpft. Die Filme ermöglichen den ZuschauerInnen, eigene Erfahrungen bzw. fehlende Erfahrungen nicht (nur) als individuelles »Problem« zu sehen, indem sie zeigen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, Sexualität zu erleben – jenseits von medial verbreiteten Klischees und Zuspitzungen. Themen der Filme können zum Beispiel sein: Lust und Leidenschaft, Selbstbefriedigung, Orgasmus, das Verhältnis von Sexualität und Liebe, Verhütung bzw. Fruchtbarkeit, sexuelle Abstinenz, Anmache, sexuelle Phantasien, Pornografie, das Erste Mal oder auch nur Vorstellungen vom Ersten Mal.

Videoarbeit ist beziehungsaktiv und erotisierend, Sexualität thematisierende Projekte sind besonders. Das liegt daran, dass Filmen kooperativ und spannungsgeladen ist. Es wird ein gemeinsames emotionales Produkt geschaffen und präsentiert, das die Beteiligten zusammenführt. Wenn sich die FilmemacherInnen in ihren Filmen inhaltlich selbst reflektieren, erfahren sie voneinander Intimes, müssen sensibel sein, überschreiten vor der Produktion existierende persönliche Grenzen. Der Film und das Filmen ist für sie ein Experiment im Umgang mit dem eigenen Körper und eigenen sexuellen Erfahrungen und Vorstellungen, die sie selbst und durch andere am Film Beteiligte und durch das Publikum reflektieren können. Autonome Grenzüberschreitungen zur Erweiterung des Spektrums sind für die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen wichtig, sie bedeuten Lernen.

In ihrer Selbstpräsentation und Selbstentblößung von Körper, Sex und Beziehungsrollen in Interviews, Bildern und Szenen entsteht Neugierde und Nähe zueinander. (Der Witz ist oft beim Filmen und auch im Film eine Möglichkeit, mit der Peinlichkeit mit inneren und/oder äußeren Nacktheiten umzugehen und die Dramatik abzumildern.) Die Intimität wirkt provokativ – ein Spiel mit dem Feuer, mit Lust und Angst für die FilmemacherInnen, die RezipientInnen und auch die unterstützenden PädagogInnen. Die PädagogInnen sind auch Teil dieses Gefühlskarussells von Übertragungen und Verknalltheiten, die sexuellen Geschichten der Jugendlichen machen beide aufeinander neugierig, das nahe Fremde ist erotisch. Ein Tabu wird tangiert, zumindest im Kopf. Junge Körper und experimentierende Sexualität im Film können erotisch sein – auch oder gerade für die PädagogInnen, die älter und »reifer« sind, anders sexuell sozialisiert wurden und aktuell ein anderes sexuelles Leben haben, auch wenn vieles im Sexuellen natürlich altersunabhängig ist. Wichtig für die pädagogische Unterstützung von sexuellen Jugendvideoproduktionen sind die (sexuelle) Reflektiertheit der PädagogInnen, die Entschlüsselung gegenseitiger Projektionen und die Achtung der Selbstbestimmtheit der Jugendlichen.

Junge »Sexfilme« schaffen etwas zwischen Erotisierung und Nachdenklichkeit für die MacherInnen, ZuschauerInnen und PädagogInnen, sie zeigen und machen Lust.

Maggy: Ich finde, Sex kann immer nur gut sein, wenn man selbstbewusst an die Sache rangeht und deshalb finde ich auch One-Night-Stands so interessant. Weil wenn man die Person nicht kennt, dann kann man selbstbewusst sein.
Randy: Ein-One-Night-Stand bringt ganz klar den Vorteil mit, dass man sich ziemlich sicher sein kann, dass man denjenigen danach nicht mehr sieht. Allerdings kommt natürlich beim One-Night-Stand dann auch noch dazu, dass man nicht so diese Vertrauensbasis hat, die man bei einer Beziehung hat. Was auch bei vielen Leuten dazu führen kann, dass sie sich verkrampfen oder gar nicht genießen können.
Sonia: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit einer fremden Person irgendwie leidenschaftlich sein kann. Also, bei mir wäre es so, dass ich mich nicht fallen lassen könnte.
Tine: Ich denke, Leidenschaft hat was mit Geborgenheit, Treue, Liebe, Vertrauen zu tun. Und das kann eigentlich nur mit dem Partner geschehen.
Maggy: Ich hatte mal einen One-Night-Stand mit mehreren Personen und ich würde es jedem raten. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht, und ich musste eigentlich so gut wie gar nichts tun. Man konnte richtig hemmungslos sein, man hat überall die Berührungen gespürt.
Sonia: Was Leidenschaft ausmacht: Du schaltest einfach ab, denkst an gar nichts mehr und ihr macht einfach verrückte Sachen. Man probiert vieles aus. Man kann wild sein, aber man kann auch wieder zärtlich sein, wie man es gerade einfach mag, und dass man auf den Partner eingehen kann.
(Filmausschnitt »Hemmungslos«)

Vieles an der Videoarbeit ist geschlechtsunspezifisch. Die Unterschiede zwischen Filmen von Jungen und Mädchen und der Videoarbeit mit ihnen haben nicht vorrangig ihre Ursache im Geschlecht, sondern im sozialen und gesellschaftlichen Kontext. Das heißt, eine Jungen- oder Mädchenvideoproduktion ist erst einmal eine junge Videoproduktion, bei der nicht das Geschlecht, sondern das Entwicklungsstadium, der kulturelle und soziale Hintergrund und der Bildungsgrad eine primäre Rolle in der Art der künstlerischen und inhaltlichen Artikulation spielen. Die Reproduktion von Rollenklischees ist geschlechtsunabhängig und eher abhängig vom Grad der eigenen Reflexion. Auch Jugendliche übernehmen in ihren eigenen Filmen die von ihnen rezipierten Rollenklischees, welche die »großen« Medien laufend (re)produzieren. Die Vorbilder aus Fernsehen und Kino prägen Bilder und lenken Phantasien, machen aber in ihrer Anspruchshaltung nicht immer glücklich. Helden- und Prinzessinnenmythen wirken also einerseits antagonistisch zum tatsächlichen Männer- und Fraueninteresse, indem sie die Jungen unter einen ständigen, unrealistischen Leistungsdruck setzen, Mädchen in die Passivität der Wartenden und Nehmenden drängen. (Dieses gilt eher für den klassischen Hollywoodfilm, im modernen Kino werden die Rollen oft umgedreht, was den Druck nicht mindert.) In ihrer Irrealität haben sie im filmischen Spiel mit der Illusion aber auch etwas Leichtes und Schönes. Denn gerade wer im Alltag versagt, oder besser, wem der Alltag versagt wird, kann sich auf der Leinwand als Held projizieren. Denn: mal Held zu sein ist schön, der stetige Anspruch aber überfordert im Alltag, denn die Rolle ist unmöglich durchzuhalten. Aber auch der Rollenwechsel, bis hin zum Tausch der Geschlechtsrolle, ist im Film scheinbar folgenlos möglich. So wird Filmen zum Experiment für das Leben. Spaß am Film heißt dann, seinen Spaß am Jung-Sein wie Spaß am Junge-Sein bzw. Mädchen-Sein zu zelebrieren. Jugendvideoarbeit arbeitet also nicht defizitär, sondern lustvoll und reflektiert nach vorne gerichtet.

Mädchen drehen genauso gerne Filme und in der Regel in den gleichen (technischen) Rollen wie Jungen, wenn man sie lässt. Neben vielen Ähnlichkeiten im Film und beim Filmen spiegeln sich aber auch hier geschlechtsspezifische Rollensozialisationen. Jungen experimentieren im medialen Umgang stärker mit der Technik, Mädchen nutzen ihre kommunikativen und sensiblen Fähigkeiten, Jungen präsentieren mehr ihr Äußeres, Mädchen mehr ihr Inneres. So entstehen Jungenbilder und Mädchenbilder; Kreativität und das Interesse zur Artikulation selbst sind jedoch geschlechtsunabhängig. Ohne Aneignung des Filmhandwerks und der Filmtechnik entsteht genauso wenig ein Film wie ohne eine gute Kooperation und Kommunikation beim Konzept, auf dem Set und bei der Montage.

Einen wichtigen Unterschied macht es jedoch, ob geschlechtshomogen oder koedukativ produziert wird. Wenn Jungen oder Mädchen getrennt Filme produzieren, nutzen bzw. entwickeln sie durch eine weitgehenden Autonomie gegenüber den Interessen des anderen Geschlechts Nähe untereinander und zu sich selbst, auch aufgrund eines solidarischen Wissens voneinander. Sie können sich und ihre Filmrollen freier reflektieren und agieren. Beim Anschauen der Filme kann dann – getrennt oder gemeinsam – die eigene und die »fremde« Sexualität reflektiert werden.

Geschlechtsspezifische Videoprojekte können pädagogisch konstruiert sein, um reflektiert gezielte autonome Selbstthematisierungen zu unterstützen. Jungen können aber auch mit Jungen, und Mädchen mit Mädchen drehen aufgrund von Freundschaften, filmidee-orientiert oder weil »zufällig« keine Mädchen bzw. Jungen da sind, bzw. diese keine Lust auf das andere Geschlecht und dessen Ideen haben. Es ist auch möglich, in koedukativen Filmprojekten zeitweise – z.B. für die Interviewphase – geschlechtsgetrennt zu arbeiten.

Epilog

Wenn auch beides um Sex und Lust geht – es ist ein Unterschied, kommerziell erzeugte sexuelle Bilder wie bei der Pornografie zu rezipieren oder sich sexuell durch eigene »Sexfilme« zu reflektieren bzw. solche autonomen sexuellen Reflexionen zu rezipieren. Wenn Jugendliche selbst bestimmen, haben die Geschichten mehr mit dem eigenen Leben, den Wünschen und Ängsten, mit der eigenen Lust und den Problemen ihrer Umsetzung zu tun. Die sexuelle Reflexion unterstützt die Entwicklung lustvoller Persönlichkeiten. Erziehung und Verbote sind dem nicht immer zuträglich. Joschi sagt im Film »Geiler Scheiß«: »Was man guckt und was man macht, das ist ein Unterschied.« Wir sollten also unsere eigenen moralischen Ansprüche als Erwachsene, als Erziehende, die wenige von uns selbst einhalten, nicht auf zu erziehende Jugendliche projizieren, die Autonomie und die Entfaltungswillen der Jugendlichen und ihre Sexualität achten und unsere Beeinflussungsmöglichkeiten des jungen Lebens nicht überschätzen. Das könnte dann dazu führen, dass wir den Pornografiekonsum Jugendlicher ein bisschen entspannter angehen, so wie es die Jugendlichen auch tun und wie sie es in ihrem Film beschreiben, nämlich als »geilen Scheiß«.

Andreas von Hören

Behinderte Liebe. Filmische Artikulationen zur sexuellen Selbstbestimmung

→ Text als Pdf

Für die Filmreihe »Behinderte Liebe« produzierte das Medienprojekt Wuppertal 31 kürzere und längere Dokumentationen mit und über Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu den Themen Liebe und Sexualität. In den Filmen beschreiben die Beteiligten offen ihre positiven und negativen Erfahrungen, ihre Wünsche und Ängste in Bezug auf Liebe und Sexualität. Die zehn- bis 60-minütigen Dokumentationen werden vom Medienprojekt Wuppertal auf 3 Doppel-DVDs als Bildungsmittel zur Aufklärung und Sensibilisierung für behinderte und nichtbehinderte Menschen vertrieben. Die Themen der Filme sind u.a.: Kennenlernen, Leben als Paar, das Erste Mal, Partnersuche und Partnervermittlung, Verhältnis von Liebe und Sexualität, Lust und Selbstbefriedigung, sexuelle Hilfen durch Sexualbegleitung und Prostitution, Geschlechtsrolle und sexuelle Identität, Homosexualität, Beziehungslosigkeit und Einsamkeit, Vorurteile und Diskriminierungen, Verhütung und Kinderwunsch, geistig behinderte Eltern und ihre Kinder. Die Filme zeigen, wie ähnlich die Wünsche und Ängste und wie unterschiedlich das sexuelle Erleben (auch) bei Behinderten ist und stellen die Frage, wie stark sie sexuell und beziehungsmäßig behindert sind oder werden.

Die Filmreihe wurde in drei großen Filmpremieren in Wuppertaler Kinos präsentiert. Das große Interesse von den TeilnehmerInnen an der Filmproduktion und den ZuschauerInnen zeigte, wie stark das Bedürfnis nach offener Thematisierung von Sexualität und einer medialen Partizipation von Menschen mit Behinderung ist, die in Fernsehen, Kino und Presse i.d.R. kaum, oder als Problem stigmatisiert oder klischeehaft vorkommen. Die Nachhaltigkeit besteht für die TeilnehmerInnen in der tief greifenden individuellen Erfahrung der Filmarbeit und der breiten öffentlichen Publizierung. Für die TeilnehmerInnen unterstützte die Filmarbeit (neben dem Erwerb von Medienkompetenz) die Reflexion der eigenen Geschlechtsrolle, der sexuellen Wünsche, Ängste und Erfahrungen und durch die mediale Artikulation ihre gesellschaftliche Partizipation. Durch den integrativen Ansatz entstand eine Brücke von Verständnis, Empathie und Solidarität zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen. Eine besondere Nachhaltigkeit der Videoprojekte insgesamt ist durch die langjährige Nutzung der Filme gegeben. Durch deren sehr erfolgreichen Vertrieb erreichen die Filme mehr als 100.000 ZuschauerInnen.

Menschen mit Behinderungen wollen keine »behinderten« Filme (machen). Sie haben aufgrund ihrer rezeptiven Medienerfahrungen die gleichen Ansprüche an ihre Filme wie Menschen ohne Behinderung: Ein Erfolg ist es auch für sie, wenn die ZuschauerInnen bei ihren Filmen lachen, wenn sie lachen sollen, nachdenken, wenn sie nachdenken sollen, weinen, wenn sie weinen sollen. Daraus ergibt sich der Anspruch, die FilmemacherInnen nicht – egal für welche Leistung – »pädagogisch« zu bestätigen, sondern ihnen die Unterstützung zu geben, die sie, ihre Ansprüche und das Publikum ernst nehmen.

Menschen mit Behinderungen wollen auch keine »behinderte« Sexualität. Sie haben i.d.R. die gleichen Lüste und Liebesinteressen wie Menschen ohne Behinderung. Durch die Betreuungsverhältnisse bei Eltern, in Behinderteneinrichtungen etc. werden ihre Sexualität, ihre Lust und ihre Liebesbedürfnisse nicht wahrgenommen oder beschnitten. Denen, die Unterstützung bei dem Ausleben ihrer Sexualität benötigen, wird diese oftmals nicht oder nicht ausreichend gegeben.

Das heißt, Menschen mit Behinderungen haben nicht nur die gleiche Lust und das gleiche Interesse an Liebe und Sex auf der einen Seite und an medialer Artikulation und Partizipation auf der anderen Seite wie Menschen ohne Einschränkungen, sie haben aufgrund ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Ausgrenzungen ein besonderes Interesse und Recht darauf. Gerade für diskriminierte Menschen ist die Möglichkeit, ihre Geschichten und ihre Themen selbstbestimmt medial zu publizieren, beziehungsweise solche Filme (am besten an öffentlichen Orten) zu rezipieren, die ihr eigenes Leben und Erleben thematisieren, besonders wichtig. Für solche Filme und deren Publikation braucht es MedienpädagogInnen, die nach Bedarf unterstützen, und zwar mit demselben Anspruch, wie bei Menschen ohne Behinderung: für einen möglichst guten, möglichst (vor allem inhaltlich) selbstbestimmten Film für ein möglichst großes Publikum und das möglichst öffentlich.

Was bedeutete dieses Menschenbild und dieses Konzept konkret für die Produktion der Filmreihe? In der Projektreihe kamen zwei spannende Möglichkeiten zusammen: die mediale Artikulation und die sexuellen Geschichten. Beides ist interessant und spannend, besonders für unterdrückte Menschen. Das Interesse von Menschen mit Behinderungen, ihre Liebeserfahrungen und Sehnsüchte mit allen schönen wie schwierigen Teilen zu beschreiben, war also groß. MedienpädagogInnen halfen ihnen, sich so angemessen und selbstbestimmt filmisch auszudrücken, dass dieses ihren eigenen inhaltlichen Bedürfnissen und filmischen Maßstäben entsprach. Diese sexuellen Reflexionen haben immer zwei Wirkungsebenen: einmal – wie beschrieben – die Ebene der ProtagonistInnen, die sich im Film selber reflektieren, zum anderen die Ebene der anlässlich des Filmes reflektierenden RezipientInnen; wobei es egal ist, ob diese selbst Behinderungen haben, da die Themen universal sind und jedem Anlass und Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und Liebe geben. Das Wichtigste bei der Filmentwicklung war, die Interessen der behinderten TeilnehmerInnen (und diese als komplexe Menschen) ernst zu nehmen und die Schere zwischen diesen Ansprüchen, der unterschiedlichen notwendigen filmischen Unterstützung und der zugleich größtmöglichen Autonomie sensibel und dynamisch gerecht zu werden. Hierbei waren die MedienpädagogInnen auch Lernende.

Das wichtigste Moment der Filme ist das Artikulative. Um nicht ein weiteres Mal spekulativ über »Behinderte« zu schreiben, werden in diesem Buch transkribierte O-Töne aus einigen Filmen der vom Medienprojekt Wuppertal produzierten Filmreihe »Behinderte Liebe« vorgestellt, um so die Beteiligten authentisch und direkt zu Wort kommen zu lassen.

Andreas von Hören


Filme zum Thema

Queer Gel(i)ebt 2

Eine Filmreihe zum Thema LSBTIQ → mehr Infos

Ich auch

Eine Filmreihe über sexualisierte Gewalt gegen Menschen mit Behinderung → mehr Infos

Niemand anderes 2

Frauen mittleren Alters sprechen über sexualisierte Gewalt → mehr Infos

Niemand anderes 1

Junge Frauen sprechen über sexualisierte Gewalt → mehr Infos

Queer Gel(i)ebt

Eine Filmreihe zum Thema LSBTIQ → mehr Infos

UnBERÜHRT

Eine Filmreihe zum Thema Jungfräulichkeit, Liebe und Partnerschaft → mehr Infos

Grenzverletzungen

Eine Filmreihe über sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen gegenüber Menschen mit Behinderung → mehr Infos

Heiß 2

Filme über Liebe und Sexualität → mehr Infos

Ich bin kein Opfer mehr

Ein Film mit Überlebenden sexualisierter Gewalt → mehr Infos

Nicht Mutter

Erfahrungsberichte über Schwangerschaftsabbrüche → mehr Infos

Einfach Mensch

Dokumentation über junge transidente Menschen → mehr Infos

Heiß 1

Filme über Liebe und Sexualität → mehr Infos

Alles Mädchen, alles Junge

Ein Film über Mädchen und Jungen → mehr Infos

Alles Junge

Eine Filmreihe über Jungen → mehr Infos

Alles Mädchen

Eine Filmreihe über Mädchen → mehr Infos

Fremdes Ufer

Ein Film über lesbische Frauen mit Migrationshintergrund → mehr Infos

Ich muss Dir was sagen

Ein Film über Coming-out und Homophobie → mehr Infos

Behinderte Liebe 3

Filme von und über junge Behinderte zum Thema Liebe und Sexualität. → mehr Infos

Behinderte Liebe 2

Filme von und über junge Behinderte zum Thema Liebe und Sexualität. → mehr Infos

Behinderte Liebe 1

Filme von und über junge Behinderte zum Thema Liebe und Sexualität. → mehr Infos

Geiler Scheiß

Ein Film über Jugendliche und Pornografie → mehr Infos

Jung und schwanger

Dokumentationen über junge Schwangere, junge Mütter und Väter → mehr Infos

Lust und Frust 3

8 Filme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund über ihre Sexualität. → mehr Infos

Lust und Frust 2

14 Mädchen- und Jungenfilme über ihre Sexualität → mehr Infos

Lust und Frust 1

10 Mädchen- und Jungenfilme über ihre Sexualität → mehr Infos

Oben ohne

Filmdokumentation über einen Transsexuellen → mehr Infos

Sexualisierte Gewalt Nr. 2

Filme von betroffenen Mädchen → mehr Infos

Das Siegel

Thema: Sexualität/Beziehungen von jugendl. Migrantinnen → mehr Infos

Mama ist lesbisch!

Doku über lesbische Frauen und Paare, die Kinder erziehen → mehr Infos

Abgeschreckt hat es mich nicht

Eine Dokumentation über Sex und HIV im Leben junger Schwuler → mehr Infos




Auf unserer Webseite nutzen wir einen Google Font zur Darstellung und setzen Cookies ein, u. a. um den Bestellvorgang zu vereinfachen und die Zugriffe auf die Website zu zählen (Google Analytics). Durch die weitere Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden. Weitere Informationen dazu finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.